In der Nacht meiner Ankunft in Temnitztal höre ich die Zweige mit den großen tiefgrünen Blättern gegen die Scheiben in meiner Unterkunft für den Stipendienzeitraum. Wucherndes Grün, das hinein will, wie es beispielsweise der Efeu in Ruinen macht.
Ich gehe hinaus, setze mich auf die Treppe und lese die elektronischen Notizen auf dem Smartphone, all die Screenshots mit Bezug. Ein Artikel zur Exotisierung des Dorflebens durch Anthropologen, Ethnologen und Historiker. Die Romantisierung des Dorfes durch bestimmte Milieus. Eskapismus. Der Hashtag #wanderlust ist einer der beliebtesten auf Instagram, dicht gefolgt von #cottagecore, #tradwives oder #villagecore. Eine Studie zum Analphabetismus auf dem Land damals. Decolonize! Von bloßen Untersuchungsobjekten zu Mitwirkenden: die kollaborative Wissensproduktion siehtdie Einbindung darin eingebundener Gemeinschaften in Projekten vor.
Zwischen den Notizen: das bin ich im Off.
Der Mond scheint herunter, mir ist kalt auf der Treppe. Im Gras zirpen die Grillen, mitPausen, ich zähle mit. Es ist ein wilder Rhythmus. Die Pausen fallen mal kürzer und mallänger aus, aber dauern stets unter 1 Minute. Tss, tss, tsss, tss, tsss […] tss tss tss […] tss tss tss tss tss tss, undsoweiter. Ich nehme es mit dem Smartphone auf.
Ich mag den Wind auf meiner Haut, die kühle Nachtluft. Keine Ahnung, wie lange ich so dasitze. Das Smartphone vibriert, ich gehe aber nicht ran. Plötzlich knackt etwas in der Dunkelheit, reflexartig richte ich mich auf, dann laufe die Treppe hoch ins Zimmer. Die Tür knallt hinter mir ins Schloss. Da war nichts. Oder vielleicht doch? Bestimmt war es nur der Wind. Lächerlich, sich so vor dem nächtlichen Nichts zu fürchten. Ich putze mir die Zähne, schlüpfe ins Pyjama, dann spiele die Grillen‐Aufnahme wie ein Schäfchenlied mehrmals ab. Darüber schlafe ich ein.

Am Morgen gehe ich als erstes hinaus und atme tief durch. Ein Rotmilan kreist über der
Unterkunft. Anders als die Grillen macht er keinen Lärm, als wäre er stumm. Ihm beim Fliegen zuzuschauen ist beinahe hypnotisierend. Irgendwo in der Ferne bellt ein Hund. Dazwischen das sirenenhafte Geräusch des Brotwagens, der gerade ausliefert. Frühstück jetzt. Danach im Dorf spazieren.

Die Fachwerkarchitektur der Kirche ist ein Trigger. Aber das ist ein anderes Thema. Mit dem unangenehmen Gefühl im Magen hocke ich mich genau neben jener Kirche einfach auf den Boden, krame meinen Notizblock aus dem Rucksack und blättere in der Anthologie zum Thema, die ich aus Braunschweig mitgenommen habe. Die Lektüre als Vorbereitung für mein Temnitz‐Projekt „Die Nacht hören“. Es sind Gedichte von Schriftsteller*innen‐Kolleg*innen, von denen ich nicht weiß, ob sie von mir zitiert werden wollen. Aus dem Band habe ich mehrere Lieblingsgedichte, aber es ist so aufwendig, sich ein Copyright einzuholen.

Der Himmel verfinstert sich und ich packe die Lyrik ein. Ich schaffe es in die Unterkunft, bevor es zu regnen anfängt. Der Rest des Tages ist ein Traum in Pastell, ein Regenbogen, den ich mir für hier wünsche.
