Eine der Nächte, die ich morgens zurück will

Eine der Nächte, die ich morgens zurück will

Fledermäuse an der Kirche in Rägelin um den Sonnenuntergang herum.

Die Kirchenglocke, es hallt den ganzen Tag in meinem Kopf nach. Keine Sonntagsliturgie, die Messen finden woanders statt. Ich höre es in meinem Kopf, mit Orgelbegleitung, aus runden, engelsgleichen Mündern gesungene Gebete. Die Sonne geht langsam unter, feurig rot und gelb. Ich frage mich, welche Farben die Nacht in Rägelin hat und warte die Antwort ab. Sie bricht ja gerade an.

Der Sommer ist die Paarungszeit der Grillen. Stridulation: die Grillenmännchen reiben die Flügel und locken mit dem Geräusch, das dabei entsteht die Weibchen an. Es ist kühler geworden, deshalb ist ihr Gesang heute nicht ganz so laut.

Ich höre das Kreischen der einzigen Möwe – vorhin waren wir am See – hier über der Wiese an der Unterkunft, bei den Grillen. Und die Enten vom Seeufer auch. Die Gesprächsfetzen und Rufe der Schwimmenden und Sonne Tankenden. Die Melodie schwingt quirlig über der Luft, untermalt den Übergang des Himmels von Rotgelb ins dunkle Violett.

Das Plitsch Platsch des gerade ansetzenden Regens, die Frische. Nasse Perlen auf meiner heißen Haut.

Ich gehe nicht in die Unterkunft, um mich vor dem Regen zu schützen, sondern laufe hinter das Dorf hin zum Wald. Dort bleibe ich, bis der Nebel aufsteigt und der Mond wieder Platz für die Sonne macht. Zittrig, voller Angst, aber ich weiß, dass ich für die neue Musik durchhalten muss. Die Sonne steigt immer höher und ich will nicht, dass die Nacht endet. Das Lied ist noch nicht fertig. Der Text dazu auch nicht:

eine der Nächte, die ich morgens zurück will
ich ziehe sie auseinander
und springe als die in die Nacht Starrende heraus

Mein Magen knurrt und ich habe Durst. Ich versuche, vom Rest des Nebels, der wie Zuckerwatte aussieht, abzubeißen. Das macht nicht satt, natürlich nicht. Also gehe ich zurück ins Dorf, in die Unterkunft. Dort schlüpfe ich in trockene Kleidung, setze Kaffee auf und öffne den vollen Kühlschrank.

Beim Frühstücken denke ich darüber nach, dass 2026 das Jahr des Prinzen ist, wie ich bei der Abschlusslesung des 63. Stadtschreibers Domenico Müllensiefen in Rheinsberg erfahren habe. Prinz Heinrich, der zeitlebens unter dem Trauma litt, immer nur der Zweite zu sein. Um den Prinzen posthum glücklicher zu machen, könnte ich ihn als den Ersten, den alles übertrumpfenden, durch meine Melodie schreiten lassen. Nicht nur deswegen: es passt in mein Rägeliner Lied.

Das Klackern der Stiefel würde endlich mal die Grillen übertönen.

Die überlauten, aggressiv die Weibchen umwerbenden Grillen sind die toxischen Gym-Brüder der Wiesen und Wälder. Sie dominieren den Rhythmus meines Lieds, aber ab und zu gebe ich ihnen eine Pause.

Ein Lied ist auch ein Kampf. Nicht weniger harmlos als die Eitelkeiten im Literaturbetrieb.

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