Hitze 3

Temnitzschreiber 2026 Ameisen

Die Nacht beginnt nach dem Sonnenuntergang. Es hat geregnet, doch in mir hat sich etwas aufgestaut.

Die Grillen übertönen alles. Wie die Autobahn in Darsikow.

Ich springe aus dem Fenster, auf das zweite Dach der Unterkunft, hole tief Luft und schreie aus vollem Hals. Die Grillen singen weiter, als wäre es ihnen egal. Mein Geschrei weckt nur die Hunde im Dorf. Eine Kettenreaktion. Als ich aufhöre, beruhigen sich auch die Hunde.

Auf dem Fensterbrett sitzend, höre ich den Grillen eine Weile zu. Dann rutsche ich zur anderen Seite, falle beinahe hinein. Ich greife nach dem Smartphone und klicke die Playlist der Nacht an. American folk. Alela Diane, Joanna Newsom, The Longest Day of the Year, der Drummer hat mal einige meiner Texte ins amerikanische Englisch übersetzt. Mittlerweile ist er Professor an einer Universität in den USA.

Quirks

because my collarbone was broken
I feel rain before it comes
spoken by pain I fear
what my sickness could be and
not pain duties and the
sullen florist could I
taste the sweet drops in the coffee
cup you with your
quick feet make me so
unbelievably furious admitting is
ugly to steal other shoes

Über den coolen Klängen der Americana reflektiere ich die letzten Residenztage.

Das Weizenfeld in der Nähe von Katerbow bei der Fahrradtour mit Eric. Mein Spaziergang in Rägelin allein. Altweibersommer, Mücken und Falter in der Luft. Auf dem Weg zu Fuss nach Darsikow, den ich wegen der Hitze unter einem Regenschirm ablief, verbrannte ich mich an den Brennesseln am Wegesrand. Weil ich ein kurzes Kleid trug. Die Tannen am Dorfeingang verbreiteten intensiven Duft, der meine Nase angenehm reizte. Die Autobahn am Dorf schmerzte in meinen Ohren wie Tinnitus, das Rauschen der Bäume ging in dem Lärm vorbeirasender Fahrzeuge unter. Ich kehrte um.

Vereinzelt Birken im Forstwald. Ein großer Ameisenhaufen im hellgrünen Moos. Abgesägte, zerstückelte Baumstämme, von Menschenhand mit roter Farbe für die Weiterverarbeitung markiert. Unreife Himbeeren, ich pflückte trotzdem davon. Es schmeckt wie erwartet bitter, ich spucke die Beeren aus, auf den Strauch. Die Grillen zirpen auch hier, wie überall, auch tagsüber. Und auch hier wächst der Spitzwegerich, doch nur in Rägelin erreicht er die Größe meiner Handfläche.

Das Essen ist mir ausgegangen, ich fahre trotz der Hitze und meiner von den Brennesseln juckenden Beine mit dem Fahrrad nach Neuruppin. Gegen den Sommerwind, der nur leicht weht. Völlig verschwitzt komme ich in der Stadt an. Kaffee trinken mit Eric und Susanne. Als ich zum Markt aufbreche, google ich ihre Installationen. Gemüse, Äpfel und Käse beim Biobauern kaufen. Im Zentrum flanieren. Am Alten Gymnasium, das Theodor Fontane und Karl Friedrich Schinkel besuchten, dem Königsdenkmal, einem Entwurf von Schinkel und der Marx-Büste im kleinen Park.

Während der Fahrt zurück mache ich Pausen im Wald und trinke Wasser. Dort stehen Robinien majestätisch im Licht. Das könnte ein Fehler sein. Robinien lassen sich kaum von Akazien unterscheiden. Zudem sind sie ein Trigger. Im Dorf meiner Kindheit gab es sie auch.

Temnitzschreiber 2026 Hitze3
Blatt Temnitzschreiber 2026
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Eine der Nächte, die ich morgens zurück will