
Direkt vor der Künstlerwohnung wachsen Weinreben. Die Weintrauben sind nun im späten September reif. Eric hat mir einen vollen Teller gepflückt und auf den Tisch in der Wohnung platziert. Die Trauben sind grün und schmecken nicht zu süß. Ich denke an den Selbstgebrannten früher, in den Kellern, gut gegen so ziemlich alles, bis der Arzt dann mal endlich ins Dorf kam.

Es ist Festival-Wochenende: das Tucholsky Literaturfestival in Rheinsberg. Am Festival-Freitag fahre ich mit dem Auto los, den Liebesroman „Rheinsberg“ auf dem Nebensitz. Die Leichtigkeit des Spätsommers hängt in der Luft, die Sonne schimmert zwischen tiefblauen Wolken durch. Vor der Eröffnungsgala spaziere ich im Schlosspark, dann hole mir im Literaturmuseum, ein Glas Weißwein und genieße ihn auf dem Rang.

Eine Hommage an Kurt Tucholsky mit Liedern, Gedichten und Texten. Der 3. Weg, die rechtsextreme Kleinstpartei, provoziert mit einer Kundgebung ausgerechnet an diesem Wochenende. Aber es geht weiter: zu Beginn die Sopranistin Marie Lina-Hanke, begleitet vom Pianisten Thomas Linstedt. Danach tragen Anna Thalbach und Robert Stadlober mit Gitarre die unter Pseudonymen erschienen Tucholsky-Gedichte wie „Canzonetta“ (Theobald Tiger) vor.

Bellevue. Fahrt Ihr einmal auf euern Wegen
durch das Gewirr der Häuser in Berlin –
Am Festival-Samstag, bei der Lesung von Daniela Dröscher, geht es um die Frage, was ein persönlicher Essay eigentlich ist, wie sich schreckliche Anmoderationen anhören und wie die harte Konkurrenz im Literaturbetrieb alles verdirbt. Marie Lina Hanke sitzt zufällig neben mir, wir kommen ins Gespräch. Danke für das Copyright-freie Portrait für den Blogbeitrag!

Ich habe viele Fotos gemacht und wollte mehr Veranstaltungen besuchen, am liebsten alle, was ich aber nicht geschafft habe, zwischendurch brauchte ich Pausen.
Am Festival-Sonntag stellt Christoph Hein seinen aktuellen Roman „Das Narrenschiff“ vor und sorgt danach für eine erhitze Diskussion. Selbstverständlich stellt der Kalte Krieg immer noch ein Trauma dar. Wie bei der Lesung von Paula Fürstenberg klar wird, ein transgenerationales. Das Trauma der sogenannten Postwendekinder kommt direkt durch, als unmittelbare Wut. Etwas, was Parteien wie der AfD und dem Bündnis Sahra Wagenknecht nur entgegenkommen und zu neuen fragwürdigen Allianzen führen kann.
Das alles verdrängen, erst mal nicht daran denken, bald ist Herbst, schöner Herbst, wie Tucholsky schrieb:
Am Strand wär es im Herbst viel schöner …
Ein Stimmungsbild, zwei Fölljetöner
und eine alte Operett!
