
Mein Sohn versucht, seine Bildschirmzeit zu reduzieren. Er tobt wie es Pubertierende tun draußen vor der Unterkunft. Trotz der Hitze. Irgendwas mit Stöcken.Das Außenthermometer misst fast 40 Grad. Ich nehme das Eis und den Rest der Pizza von vorhin – wir haben mittags in der Ölmühle Katerbow gegessen – aus dem Kühlschrank. Wir genießen es auf der Veranda.
Es juckt, mein Sohn kratzt sich den eitrigen Mückenstich blutig, was mir den Appetit verdirbt. Ich entsorge die Pizzapackung im schwarzen Müllcontainer, gehe hinein, greife drinnen nach dem Roman von Gabriele Stötzer und setze mich an den Tisch.
Danach lese ich die Literatur an, die Eric mir in die Unterkunft gelegt hat:
Steinnotizen von Patrick Holzapfel. Nietzsche und Pizza von Ariana Emminghaus. Alexander Rudolfis In Arkadien 3. Louise Kenn: „Ich habe die Scheibengardinen abgehängt.“ Mystagogie I-IV von Steffen Greiner. Das Wespen-Portrait aus der Naturkunden Reihe von Michael Ohl, der mich als Jurymitglied in das Amt als Temnitzschreiber*in gewählt hat.
Ich denke an die Lesung „Das Zimmer ist mein Untergrund“ mit Slata Roschal von den other writers need to concentrate in Braunschweig zurück und an die Unterhaltung mit ihr letztens auf Instagram: „Und so schön sind die Unterkünfte auch nicht + man braucht zwei Zimmer + es geht dann nur in den Schulferien…“, „Es ist schon mit lauter Stress und Streit verbunden“, „Aber manchmal klappt es“.

Plötzlich Polnisch! In John Newlings Band Dear Nature „Dear farmers everywhere,/Please plant more hedges./Prosze posadz wiecej zywoplotow“ und ich frage
mich, warum das Englisch vor dem Polnisch kommt. Ist Englisch die Sprache der Garten- und Landschaftsarchitektur? Der Landwirtschaft? Der publizierenden Wissenschaft?
Vor dem Sonnenuntergang, es ist kaum kühler geworden, gehen wir los. Ans Wasser! Wir sitzen an den Rägeliner Teichen und betrachten die Seerosen, das Wasser genauso reg- und geräuschlos wie das der Temnitz. Doch die Wiese! Was für ein Lärm! Die dominanten Grillen, gelegentlich der Bass, das heisst das Brummen vorbeiziehender Hummeln und das schüchterne Rauschen des Sommerwindes. Weg vom Grillenlied, in den Wald. Ein Maulwurf liegt auf dem Rücken im sandigen Boden, mein Sohn schreit auf. Geh weiter! schreie ich zurück und schubse ihn leicht. Keine Angst! Das ist nur der Tod!

Der Farn im Waldinneren, Moos und Zapfen, Käfer. Ich pflücke vom Breitwegerich am Wegesrand, dann gehen wir zurück.
In der Unterkunft sind es mindestens 30 Grad. Wir trinken Leitungswasser, duschen mehrmals, ich wasche den Breitwegerich in der Spüle, zerreibe die Blätter in den Handflächen, bis der Saft heraus fliesst, das habe ich von meiner polnischen Grossmutter, der Bäuerin. Das ganze orale Erbe, die Medizin. Den Breitwegerich auf den Mückenstich meines Sohnes. Die Heilpflanze wird den Eiter über Nacht heraus saugen.

Ihr konntet nicht alle Hexen töten, die weisen Analphabetinnen in den Dörfern. „Morgen früh ist das weg!“ sage ich. Mein Sohn lächelt zurück. „Wirklich?“, „Hundert Pro.“
Keine Zauberei, aber der Mückenstich ist am Morgen tatsächlich wie verschwunden, also, nicht wirklich, doch der Eiter fliesst zumindest nicht mehr.
In meinem Maileingang steckt eine neue Nachricht. Betreff: Garten, See. Ich mache Screenshots vom Inhalt, um es später zu lesen. Dann packe ich die Badesachen in den Rucksack. Es ist wieder zu heiss. So kann ich nicht schreiben.
Nur schwimmen in einem Brandenburger See.
